Frauensache Berufsanerkennung?

Wissenschaftsgeschichtlich prominenter Fall einer Nostrifizierung (= Anerkennung eines akademischen Ausbildung) an der UNI Wien war im Jahr 1897 die Ärztin Gabriele Possanner: Als vielgereiste junge Frau erhielt sie in Zürich ihr Medizindiplom. Dieses ließ sie an der UNI Wien mit mühevoller Hartnäckigkeit nostrifizieren. Dafür musste sie aber eine große Anzahl Prüfungen nachmachen. Im gleichen Jahr ließ die UNI Wien übrigens erstmals Frauen zum Studium zu. Possanner wird  heute als Pionierin der österreichischen Frauengeschichte gewürdigt. So ist etwa ein wichtiger Wissenschaftspreis nach ihr benannt.

Das Thema ist als Topos der Bildungsgeschichte erhalten geblieben: Hochqualifizierte Migrantinnen als weit unter ihrer Kompetenz Beschäftigte, und, verschärft, als  Klassiker: die akademische Reinigungskraft. Praktisch jede/r kennt ein Beispiel auf der eigenen Erfahrung. 32% der Frauen und 25% der Männer mit Migrationserfahrung sind in Österreich überqualifiziert erwerbstätig.

Gerade bei den komplexen Berufsanerkennungsverfahren bedarf es eines Blick auf Geschlechterhierarchien: Tatsache ist, dass Frauen deutlich häufiger als Männer unter ihrer Qualifikation erwerbstätig sind. Und zwar unabhängig davon, ob sie ÖsterreicherInnen sind oder Migrationserfahrung haben. Dieses persönlich wie volkswirtschaftlich negative Phänomen wird seit Jahren diskutiert – verstärkt ab dem Zeitpunkt, als die ersten unerfreulichen Statistiken dazu vorlagen – und findet sich in vielen Positionspapieren wieder, so auch im österreichischen Regierungsübereinkommen. Die beiden deutschen Expertinnen Martin Müller-Wacker und Bettina Englmann von „Global Competences“ benannten übrigens ihre 2007 erschienene Studie zur Dequalifizierung von MigrantInnen kurz und bündig „Brain Waste“. Knappest auf den Punkt gebracht. Diese Studie war der zentrale Ausgangspunkt für die deutschen Maßnahmen zur Berufsanerkennung.

Neben spezifischen Unterstützungen für die (teils hohen) Kosten für die Anerkennungsverfahren bedarf es eines konzentrierten Blicks auf bestehende strukturelle Barrieren, die den Zugang von Migrantinnen in die Erwerbsarbeitswelt erschweren.